Geschrieben mschneider_yd86iza5

Aussteigen und alles hinschmeißen?

Austeigen und alles hinschmeißen?

 

Wer hatte den Gedanken nicht auch schon einmal, alles hinzuschmeißen um das Glück im neuen Job zu suchen?

Aber man hat doch all die Jahre nicht umsonst durchgehalten und so hart gekämpft. Oder?

Da stand ich nun – die Schlüssel zu den Agenturbüros und die EC-Karten zu den Firmenkonten in meiner verkrampften Hand. Nur einen Briefkastenschlitz entfernt vom beruflichen Selbstmord und der vermeintlichen Freiheit. War es wirklich so einfach? Noch während mein Gehirn versuchte diese Frage in einen sinnvollen Kontext zu bringen, entspannte sich meine Hand, ließ los – und ich grinste.

Dieser Tag liegt nun bereits sechs Monate zurück und ich bereue es keine Sekunde.

Ausnahmsweise möchte ich heute mal etwas wirklich Persönliches schreiben, das mir sehr am Herzen liegt. Wer hin und wieder meine Posts verfolgt, kommentiert oder auch mal geliked hat, kennt mich als eher lustigen Typen, dem scheinbar alles locker-flockig von der Hand geht. Nur die Wenigsten von Euch wissen, womit ich mich in den letzten Jahren beschäftigt habe und vor allem, was mich persönlich dabei bewegt hat.

Aber drehen wir die Uhr mal ein paar Jahre zurück.

Begonnen hat damals alles Ende 2001 direkt nach Antritt meines International Business Studiums im beschaulichen Bernburg (Strenzfeld).

Damals hatte ich gemeinsam mit einem Studienkollegen die Idee zu einer lukrativen Onlineagentur. Sie sollte sich später zu einer der umtriebigsten Agenturen Mitteldeutschlands entwickeln und digitale Marketing-Kampagnen, komplexe Webauftritte und erfolgreiche eCommerce-Lösungen für Firmen wie BASF, CarlZeiss, die Dresdner Bank und das Finanzministerium entwickeln.

Doch bevor es soweit war, brauchten wir Startkapital. Die Banken fassten so kurz nach dem Zusammenbruch der Dotcom-Blase unsere Geschäftsidee nicht einmal mit Gummihandschuhen und Kneifzange an. So musste das Geld für Computer und erste Programmierer durch eine Spedition verdient werden, die LKW-Ladungen von Deutschland in alle Welt vermittelte. Damals hatte ich keine Ahnung, was die Zukunft bringen würde und meine Gedanken schwelgten in glänzenden Wolken von Ruhm und Wohlstand.

Es war toll als notorischer Erstsemester in Konzerne und Unternehmen zu gehen und gestandenen CEOs mit Doppeldiplom und Doktortitel die Wunder des Internets näher zu bringen. Ich war ständig unterwegs, durfte in Bereiche schauen, zu denen nur wenige Externe Zutritt hatten und traf interessante Menschen. Die Zeit raste dahin und aus Tagen wurden Monate. Aus Monaten wurden Jahre.

Soweit so gut. Aber warum nun der Ausstieg? Was lief schief?

Vor etwa vier Jahren fand ich mich als Geschäftsführer tippend und klickend an meinem Schreibtisch wieder. Ich starrte auf Monitore und löschte organisatorische Feuer an allen möglichen Fronten. Die Mehrheit meiner Aufgaben war zu einem Bürojob geworden. Erst viel zu spät erkannte ich, dass ich mich selbst vom Kapitän der Enterprise zum Admiral befördert hatte und nun nicht mehr auf der Brücke stand, sondern im Oberkommando Bürodienst verrichtete. Ich war vom Jäger zum Verwalter geworden.

Meine Tage waren geprägt von Zerrissenheit zwischen meinem Traum von Selbstverwirklichung, alten Programmen, die auf Sicherheit setzen, und unerträglicher Langeweile. Die Leidtragenden waren meine Familie, meine Gesundheit und mein Selbstwertgefühl.

Irgendwann hatten sich mein Wertesystem und meine Vision gewandelt und unmerklich von den Zielen meiner Geschäftspartner gelöst. Ich wollte meine Arbeit wieder mit Begeisterung verrichten und das tun, was mir Spaß macht. Nur, was machte mir eigentlich Spaß?
Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Dank meiner Frau und dem ständigen Schleifen an meiner Persönlichkeit fand ich die Antwort:

Ich habe das Talent dazu, die Probleme von Menschen zu verstehen, in konkrete Lösungsansätze umzuwandeln und verständlich zu vermitteln.

Umsatz war nicht länger die treibende Kraft hinter meinem Tun. Und die Aufgaben eines Geschäftsführers gehörten auch nicht dazu.

„Love it, change it or Leave it“

, sagte einst ein weiser Unternehmerfreund zu mir. Und als einer unserer damaligen Azubis im Gespräch nebenbei erwähnte, dass die Hälfte des Lebens statistisch gesehen schon mit 27,5 Jahren vorbei sei, konnte und wollte ich meine Zeit nicht länger vergeuden.

Ich wollte nicht weiterhin ohnmächtig auf der Stelle treten, auf dem drögen Pfad der vermeintlichen Sicherheit! Aber was dann? Alles aufs Spiel setzten, was ich in 17 Jahren aufgebaut hatte und mein Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen?
Die Antwort brüllte mich geradezu an.

Ihr kennt den Rest.
Ich habe mein Baby, dass ich viele Jahre lang mit harter Arbeit aufgezogen habe, meinen Partnern überlassen und mich für meine Vision entschieden.

Ich stand wieder ganz am Anfang.
Die ersten Tage nach meiner Entscheidung verbrachte ich in einem tranceähnlichen, vollbartumwucherten Zustand, der meine Frau und mich auf einen spontanen Roadtrip durch halb Europa führte.

Und dann kamen sie, die Momente, von denen die Glückskekse berichten.
Von ganz alleine taten sich Türen auf, die vorher noch nicht da waren.
Entfernte Freunde traten nach langer Zeit wie von allein aus dem Schatten an mich heran und standen mir mit Rat und Tat zur Seite.

Jetzt – sechs Monate später – stehe ich wieder für ein Internet-Unternehmen vor Firmenchefs, Marketing-Managern und IT-Spezialisten, die einen erfahrenen Experten an ihrer Seite brauchen.

Was habe ich nun aus der ganzen Geschichte gelernt?

  1. Es geht immer weiter, egal wie unsicher die Zukunft scheinen mag. Ich stehe endlich wieder auf der Brücke einer brandneuen Enterprise und begleite ein Team treuer Crewmitglieder in eine verheißungsvolle Zukunft. Wir sind Anfang 2017 gestartet und meine Arbeit inspiriert und beflügelt mich jeden Tag aufs Neue.
  2. Viel Zeit in etwas zu investieren, bedeutet nicht, dass man es zwangsläufig bis ans Ende seiner Tage tun wird.
  3. Von Anfang an auf die eigenen Stärken konzentrieren. Diesmal habe ich gleich zu Beginn alles richtig gemacht. Ich fokussiere mich auf das, was ich am besten kann: Beratung, Vertrieb und die Kommunikation erklärungsbedürftiger Internetleistungen. Ich liebe es, Menschen zu beraten, Kunden zu begeistern und Unternehmen im Internet erfolgreicher zu machen.
  4. Die neue Zeit erfordert flexible Lösungsansätze der Unternehmensgestaltung. Das Unternehmen für das ich jetzt arbeite ist so flexibel aufgebaut, wie ich es mir immer gewünscht habe. Die neuen Technologien machen es möglich.
  5. Umgib Dich möglichst mit Gleichgesinnten. Unser Unternehmen wird von Mitarbeitern, Dienstleitern und Partnern angetrieben, die genauso flexibel sind wie ich und gemeinsame Werte teilen.
  6. Lass Dich nicht nur vom Geld blenden, sondern folge Deiner Vision mit ganzem Herzen. Wir sind nicht mehr nur umsatzgetrieben, sondern nutzen unsere Erfahrung für Hilfestellung, Beratung und tatkräftige Unterstützung rund um alle Fragen des Internets. Der Kunde steht im Vordergrund!
  7. Wer anderen hilft, dem wird selbst geholfen. In der Umbruchphase haben mich mein Umfeld und meine Familie mit Rat und Tat unterstützt. An dieser Stelle Danke an alle!

Ich möchte nochmal ausdrücklich betonen, dass die Entscheidung für einen Neustart alles andere als leicht war. Sie war begleitet von vielen Ängsten und Zweifeln. Was wird dann passieren? Wie fange ich das an? Was werden meine Freunde sagen?
Und dann heißt es wieder:

„Nicht grübeln sondern einfach tun.
Im schlimmsten Fall wird es eine Erfahrung.“

Die Erleichterung danach war umso größer und zwang mich dazu, mich auf meine Stärken zu konzentrieren. Wer das tut, was er gut kann und liebt, der wird nie im Leben einen Tag arbeiten müssen.

Wer bis hierhin durchgehalten hat, dem danke ich für seine Geduld und sein Interesse. Wer Lust hat bei uns mitzuspielen oder Fragen hat, wie man herausfindet was man liebt, kann mich gern anschreiben. Ich teile gern. 🙂

In diesem Sinne auf bald.
Euer Matthias

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